| Veranstaltung: | Bundesjugendwerkskonferenz 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 7.c. Weitere Anträge |
| Antragsteller*in: | Bundesjugendwerk der AWO e.V. |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 04.04.2026, 22:43 |
A4: Neues Grundsatzprogramm
Antragstext in einfacher Sprache
Wir bekennen uns zum Demokratischen Sozialismus. Wir sind der Überzeugung, nur
dieser bietet aktuell die Möglichkeit, unser Menschenbild zu entfalten und
unsere Werte zu leben. Diese Perspektive begründet sich historisch und
gegenwärtig aus unseren Erfahrungen als Teil der Arbeiter*innen(jugend)bewegung
und dem Kampf für eine gerechte Verteilung von Macht und Ressourcen.
Zum Verständnis eines Demokratischen Sozialismus gehört für uns die Umverteilung
der herrschenden Machtverhältnisse zwischen Gesellschaft, Politik und
Wirtschaft. Dafür ist eine Basisdemokratie elementar, wodurch alle Menschen
bedingungslos über Politik und Wirtschaft demokratisch entscheiden. Das
ermöglicht, dass die Gesellschaft unmittelbar ihre Regeln des Zusammenlebens und
Wirtschaftens bestimmen kann.
Staatliche Macht dient dabei als demokratisches Instrument, die Interessen und
Bedürfnisse der Gesellschaft durchzusetzen und die Erhaltung der
gesellschaftlichen Macht zu garantieren. Wirtschaftliche Aktivitäten dienen
ausschließlich dem Wohlergehen und der Bedürfnisbefriedigung aller innerhalb der
Gemeinschaft. Das bewirkt, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben,
sich individuell zu entwickeln und ihre eigenen Interessen zu verwirklichen.
Die Idee des Demokratischen Sozialismus lebt in unserem Verband und muss in
stetig kritischem Aushandeln weiterentwickelt werden. Als Sozialisationsinstanz,
also ein Ort, der das Denken, Fühlen und Handeln prägt, verstehen wir es als
unsere Aufgabe, dieses Ideal durch unser politisches und pädagogisches Handeln
zu fördern und aktiv zu vertreten.
Freiheit bedeutet für uns in erster Linie die Möglichkeit zur freien Entfaltung
der eigenen Persönlichkeit. Dies setzt voraus, frei von Unterdrückung, Not und
Armut zu sein. Freiheit muss in unterschiedlichen Lebensbereichen immer wieder
erkämpft, verteidigt und geschützt werden. Dennoch bedeutet Freiheit für uns
keine absolute Freiheit. In vielen Fällen muss die individuelle Freiheit
eingeschränkt werden, um das gemeinschaftliche Zusammenleben zu schützen. Auch
ist die eigene Freiheit stets durch die Freiheit anderer beschränkt.
Gleichheit bedeutet für uns eine fundamentale Gleichheit an Würde, unabhängig
von körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen, jedoch nicht die
Gleichförmigkeit aller Menschen. In unseren Augen soll jeder Mensch das Leben
mit den gleichen Möglichkeiten beginnen und dadurch die Voraussetzungen haben,
die eigene Persönlichkeit im Dialog mit der Umgebung auszubilden. Das setzt
voraus, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe begegnen. Gleichheit bedarf der
Wahrung der unantastbaren Würde jedes Menschen und ist Grundvoraussetzung für
eine gerechte Welt.
Gerechtigkeit ist für uns dann gegeben, wenn jeder Mensch die gleichen
Möglichkeiten zur freien Entfaltung hat. Um gleiche Chancen zu gewährleisten,
müssen Ressourcen den individuellen Bedürfnissen der Menschen nach umverteilt
werden. Damit schließen wir die Wertschätzung von individuellen Leistungen nicht
aus, jedoch stehen Bedürfnis- und Chancengerechtigkeit der Menschen im
Vordergrund. Gerechtigkeit erfordert ein Bewusstsein für Gleich- und
Ungleichheit und setzt eine gesellschaftliche Aushandlung dieser auf Basis
moralischer und rechtlicher Vorstellungen voraus.
Solidarität bedeutet für uns das gegenseitige füreinander einstehen. Dabei
übernehmen sowohl Gemeinschaften als auch Individuen Verantwortung füreinander,
ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Grundlage für solidarisches Handeln sind
Bewusstsein und Sensibilität für existierende Ungleichheiten und individuelle
Bedürfnisse. Trotz des individuellen Anspruchs auf Teilhabe und Unterstützung,
verliert niemand, mit dem sich solidarisiert wird, die Eigenständigkeit.
Gleichzeitig steht jeder Person frei, in welchem Maße sie sich mit anderen
Personengruppen solidarisiert. Damit ist für uns auch verbunden, dass die eigene
Freiheit nicht aufgegeben wird.
Toleranz bedeutet für uns, andere Überzeugungen und Handlungsweisen zuzulassen,
Argwohn diesen gegenüber zu reflektieren und sie als gleichwertig neben den
eigenen zu sehen. Das Tolerieren anderer Ansichten bedeutet nicht, dass wir
diesen gegenüber eine zustimmende Haltung einnehmen. Dabei ist es uns wichtig,
dass Intoleranz nicht toleriert wird. Positionen, die unserem Werteverständnis
und den Menschenrechten fundamental entgegenstehen, können wir nicht tolerieren.
Emanzipation verstehen wir als Selbstermächtigung aus Fremdbestimmung und
äußeren Erwartungen. Damit ist eine Mündigwerdung zu einer eigenständigen
Persönlichkeit verbunden, die ihre Menschenrechte wahrnehmen und sich gegen
willkürliche Einschränkungen verteidigen kann. Im Laufe eines Lebens finden
immer wieder individuelle Emanzipationsprozesse in unterschiedlichen
Lebensbereichen statt. Darüber hinaus können sich auch gesellschaftliche Gruppen
emanzipieren. Privilegierte und nicht betroffene Gruppen und Individuen können
Emanzipationsprozesse Anderer solidarisch unterstützen. Unser Verständnis geht
über die verengte Sicht der Emanzipation auf das Rollengefüge verschiedener
konstruierter Geschlechter hinaus.
Wir gehen davon aus, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben.
Bedürfnisse sind das innere Verlangen nach Erfüllung von zum Beispiel
Körperlichen Bedürfnissen, wie Nahrung oder Sozialen Bedürfnissen, wie
Freundschaften. Bedürfnisse müssen erfüllt sein, damit Menschen zufrieden und
gesund leben können. Diese sind individuell stark ausgeprägt.
Wir sprechen Menschen von der Geburt an ihre Mündigkeit zu und gehen davon aus,
dass sie an der Gesellschaft teilhaben wollen. Mündigkeit heißt, dass jemand
fähig ist, für sich selbst zu entscheiden und die Verantwortung für das eigene
Handeln zu übernehmen. In welcher Form sie teilhaben, hängt von ihren
unterschiedlichen, gegebenen und erworbenen Ressourcenab. Die Gesellschaft muss
die Mündigkeit aller Menschen anerkennen und Möglichkeiten zur Teilhabe
schaffen.
Menschen sind soziale Wesen, welche in Interaktion mit anderen Menschen treten
und sich darüber in der Gesellschaft positionieren. Die Gesellschaft ist Teil
der Sozialisation der Menschen. Welche jedoch gleichzeitig gestaltend auf die
Gesellschaft und ihre Ausrichtung einwirken. Gesellschaft und Individuum stehen
in Wechselwirkung zueinander.
Menschen entwickeln Handlungsstrategien, um mit Herausforderungen umzugehen und
den Alltag bewältigen zu können. Diese Strategien sind individuell und abhängig
von persönlichen Erfahrungen. Wir gehen davon aus, dass Menschen immer eine für
sich plausible Begründung, den "guten Grund", für ihr Handeln haben.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen einander mit Anerkennung und
Respekt begegnen. Alle sollen ihre eigenen Meinungen, Überzeugungen, Interessen
und Ziele haben dürfen. Das nennt sich Pluralismus. Gleichzeitig sehen wir, dass
es in unserer Gesellschaft Ungleichheiten und Unterdrückung gibt. Manche
Menschen haben mehr Macht und Möglichkeiten als andere. Intersektionalität
bedeutet, dass verschiedene Formen von Diskriminierung zusammenwirken. Manche
Menschen sind deshalb von mehreren Formen der Diskriminierung gleichzeitig
betroffen.
Ein Beispiel: Ein geflüchtetes Kind kann wegen der schwierigen finanziellen
Situation seiner Familie nicht an einer Ferienfreizeit teilnehmen. Gleichzeitig
darf es wegen seines Aufenthaltsstatus das Bundesland nicht verlassen. Außerdem
sind Anträge für finanzielle Unterstützung und für die Teilnahme an einer
Ferienfreizeit außerhalb des Bundeslandes nur auf Deutsch verfügbar. Dieses Kind
erlebt also mehrere Hürden gleichzeitig: wegen der finanziellen Situation und
wegen seiner Fluchtgeschichte. Dadurch kann es nicht selbstbestimmt an Angeboten
teilnehmen.
In unserer Gesellschaft denken viele immer noch, dass es nur zwei Geschlechter
gibt: männlich und weiblich. Dieses Denken bezieht sich vor allem auf die
Geschlechtsmerkmale. Das Problem dabei ist jedoch, dass man auf Grundlage dieser
ebenso eine soziale Rolle zugeschrieben bekommt. Diese Rollen sollen nicht
verlassen werden. Wer muss stark sein? Wer darf Kleider tragen? Wer darf
Oberkörperfrei sein?
Das binäre System umfasst nicht die gesamte menschliche Geschlechtervielfalt.
Eine Zuschreibung welche Geschlechter es gibt, lehnen wir ab, weil wir jedem
Menschen die Macht geben wollen, über die eigene (Geschlechts-)Identität
entscheiden zu können. Wir sehen Geschlecht als Spektruman. Wir wollen im
Jugendwerk ein sicherer Ort sein und aufklären und sensibilisieren.
Wir leben in einem patriarchalen System. Patriarchat kommt von „Herrschaft der
Väter“ und bedeutet allgemein “Gesellschaft, in der Männer die Macht haben”. In
diesem nehmen Cis-Männer aufgrund ihres Geschlechts eine übergeordnete Position
in Bezug auf Macht, Einfluss und Autorität ein. Cis-Männer bezeichnet Personen,
deren Geschlechtsidentität mit dem übereinstimmt, welches ihnen nach der Geburt
zugewiesen wurde. Dies passiert hauptsächlich über die Bestimmung äußerer
Merkmale.
Das Patriarchat erhält geschlechterdiskriminierende Strukturen aufrecht. FLINTA*
steht für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, nichtbinäre,
transgeschlechtliche, agender und * alle die sich als nicht Cis-männlich
definieren. FLINTA* erleben geschlechtsspezifische Gewalt, Lohnungleichheit,
ungleiche Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit, eingeschränkten Zugang zu
Bildung und Gesundheitsversorgung, sowie Benachteiligung in Führungspositionen
und politischen Entscheidungsprozessen.
Sexismus ist die Abwertung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes.
Sexismus und Patriarchat sind eng miteinander verknüpft. Sexismus kann auf
verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Formen auftreten, wie zum Beispiel in
der Sprache, in der Arbeitswelt, in der Bildung und in den Medien. Im
Patriarchat ist Sexismus ein Mittel zur Aufrechterhaltung der bestehenden
Machtstrukturen, zur Kontrolle von FLINTA* Personen.
Queer ist eine Selbstbezeichnung von Menschen die sich der LGBTQI+ Community
zugehörig fühlen. LGBTQI+ ist eine Abkürzung für viele verschiedene sexuelle
Orientierungen und Geschlechtsidentitäten (Lesbisch, Gay, Bisexuell,
transgeschlechtlich, queer, intergeschlechtlich und + für weitere Identitäten.)
Queer-Feindlichkeit bezeichnet die Diskriminierung, Anfeindungen, Ablehnung,
Gewalt und Unsichtbarmachung von LGBTQI+ Personen. Sie erleben Queer-
Feindlichkeit sowohl auf individueller als auch auf struktureller] und
institutionellerEbene. Das kann sich z.B. in einer Ungleichbehandlung bei der
medizinischen Versorgung, Familiengründung oder Selbstbestimmung der eigenen
Identität äußern.
Ableismus kommt von “ to be able” aus dem Englischen und bedeutet leistungsfähig
zu sein. Ableismus bezeichnet die Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit
Behinderungen, psychischen Beeinträchtigung oder chronischen Erkrankungen. Von
Ableismus betroffen sind ebenfalls Menschen, die von einer Behinderung bedroht
sind. Es ist diskriminierend, wenn ein Mensch wegen einer bestimmten Eigenschaft
oder einer Fähigkeit ungerechtfertigt bewertet wird. Menschen mit Behinderungen
werden z.B. auf Merkmale reduziert, in denen sie sich vom vermeintlichen
“Normalzustand” unterscheiden.
Gesetze, Gebäude, Sprache oder gesellschaftliche Normen können Menschen
ausschließen. Wir fordern eine Haltung der Gesellschaft, die Barrieren abbaut
und Teilhabe für alle Menschen möglich macht. Ableismus ist kein Zufall, sondern
ein Teil unseres gesellschaftlichen Systems, das Unterschiede abwertet. Die
Behinderung von einem Menschen ist nicht das Problem, sondern der Blick der
Gesellschaft darauf. Der gesellschaftliche Blick beeinträchtigt Menschen bei
ihrer Teilhabe. Menschen mit Behinderung wird oft eine geringere
Lebenswertigkeit zugeschrieben. Das können wir mit unseren Werten Gerechtigkeit
und Gleichheit nicht vereinbaren. Wir fordern das gute und schöne Leben für
ALLE.
Menschen sollten nicht nach ihrem Nutzen eingeteilt werden und deshalb einen
anderen Zugang bekommen. Wie im Kapitel zur Bildungsgerechtigkeit geschrieben,
fordern wir von Politik und Gesellschaft, sich für die gerechte und
bedürfnisorientierte Verteilung von allen Ressourcen einzusetzen und dafür Sorge
zu tragen, dass niemand benachteiligt wird.
Der Begriff Awareness heißt übersetzt Bewusstsein, Aufmerksamkeit und
Achtsamkeit. Das bedeutet einen rücksichtsvollen, verantwortungsbewussten und
solidarischen Umgang miteinander zu haben und zu pflegen und diskriminierende,
gewaltvolle Verhältnisse zu minimieren. Es geht darum, Verantwortung füreinander
und für sich selbst zu übernehmen. Es soll eine sichere Atmosphäre entstehen, in
der sich grundsätzlich alle wohlfühlen können und persönliche Grenzen gewahrt
werden. Im Jugendwerk gilt, wir achten auf einen diskriminierungssensiblen
Umgang, respektieren persönliche Grenzen und stellen uns gegen diskriminierendes
Verhalten. Awareness ist für uns politische Haltung und praktische Solidarität.
Demokratie bedeutet, dass alle Menschen gleichberechtigt mitbestimmen dürfen.
Menschen brauchen einen barrierearmen Zugang zu politisch ausgeglichenen,
faktenbasierten Informationen und Bildung. Das ist die Grundlage für eine freie
und vielfältige Meinungsbildung. Eine unabhängige Justiz schützt auf Basis von
Gesetzen die Rechte aller, auch von Minderheiten, und sorgt dafür, dass niemand
zu viel Macht bekommt. Wer Macht hat, hat diese mit Verantwortung gegenüber
Allen zu tragen und kann zur Rechenschaft gezogen werden. Niemand darf die
alleinige Macht haben.
Für eine gelingende Demokratie braucht es, dass alle Verantwortung übernehmen,
füreinander einstehen und Entscheidungen zum Wohle aller treffen. Jede*r ist
wichtig und trägt zu einer lebendigen Demokratie bei. Diese Fähigkeit, auf
Herausforderungen zu reagieren und sich stetig zu wandeln, macht Demokratie
widerstandsfähig gegenüber demokratiefeindlichen Bestrebungen.
Demokratische Bildung ist ein wesentliches Element in der Jugendverbandsarbeit.
Wir als Jugendwerk der AWO erkennen unsere historische Verantwortung an, die aus
der Geschichte der AWO hervorgeht. Die AWO wurde während der Zeit des
Nationalsozialismus verboten und ihre Mitglieder wurden verfolgt. Als
Jugendverband einer Organisation, die selbst unter antidemokratischen Ideologien
gelitten hat, sehen wir es als unsere Verpflichtung an, entschieden gegen jede
Form von Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit einzutreten.
Diese historische Verantwortung bedeutet auch, aus der Vergangenheit zu lernen
und aktiv zur Stärkung einer demokratischen Kultur beizutragen. Es ist unsere
Aufgabe, jungen Menschen die Gefahren extrem rechter Ideologien aufzuzeigen, sie
für die Werte der Demokratie zu begeistern und sie darin zu unterstützen,
Diskriminierung, Hass und Ausgrenzung entgegenzutreten.
Deshalb setzen wir, als Jugendverband, uns sowohl in unserer Bildungsarbeit als
auch in unserer politischen Arbeit dafür ein, junge Menschen zu ermutigen. Wir
wollen junge Menschen befähigen kritisch zu denken, sich als aktive
Gestalter*innen einer solidarischen und offenen Gesellschaft einzubringen und
sich selbst zu organisieren.
Wir geben jungen Menschen Gestaltungsräume, in denen sie ihre Freizeit gestalten
und sich über Themen, die sie bewegen, austauschen können. Dabei greifen wir
politische und gesellschaftliche Fragen auf und stärken die Themen der Kinder
und Jugendlichen. Emanzipatorische Prozesse junger Menschen stehen im
Vordergrund.
Wir sind uns bewusst, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und
kontinuierlich verteidigt werden muss. Als Werkstätten der Demokratie sehen wir
unser Engagement im stetigen Wandel. Dieses Engagement gerät zunehmend unter
Druck. Immer häufiger sehen wir uns der Gefahr der Einschränkung und
Delegitimierung seitens demokratiefeindlicher Bestrebungen ausgesetzt.
Nicht erneuerbare Ressourcen wie fossile Energieträger sollen sparsam genutzt
werden. Erneuerbare Ressourcen wie Wälder oder Tierbestände dürfen nur so
genutzt werden, dass sie sich wieder erholen können. Außerdem ist konsequenter
Klimaschutz notwendig. Wenn wir die natürlichen Grenzen unseres Planeten nicht
beachten, verschärfen wir die Klimakrise. Diese bedroht das gute Leben heutiger
und zukünftiger Generationen. Deshalb müssen wir entschlossen und dauerhaft an
der Umsetzung der internationalen Klimaziele arbeiten.
Nachhaltigkeit darf nicht nur ein Schlagwort sein. Wir brauchen mehr Bildung,
Aufklärung und konkrete Unterstützung, damit nachhaltiges Handeln
selbstverständlich wird. Wir wollen, dass Verantwortung für die Ressourcen der
Erde übernommen wird. Diese Verantwortung darf nicht allein auf einzelne
Menschen abgewälzt werden. Klimaschutz muss sozial gerecht gestaltet sein. Wenn
Maßnahmen ungerecht sind, verlieren sie an Akzeptanz. Besonders Menschen auf der
ganzen Welt, die von Armut betroffen oder bedroht sind, dürfen nicht zusätzlich
belastet werden. Vor allem politische Entscheidungsträger*innen müssen die
richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit die planetaren Grenzen eingehalten
werden. Diejenigen Staaten, die die Klimakrise maßgeblich verschuldet haben,
tragen die größte Verantwortung.
Wir sind überzeugt, dass unsere Wirtschaft neu gedacht werden muss. Ziel muss es
sein, die Bedürfnisse aller Menschen mit den Grenzen unseres Planeten in
Einklang zu bringen. Im Sinne unserer Werte, Gerechtigkeit und Solidarität
übernehmen wir Verantwortung für heutige und kommende Generationen. Mit unserer
Nachhaltigkeitsstrategie wollen wir einen Beitrag zur ökologischen
Nachhaltigkeit leisten.
Klassismus bezeichnet die Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen
aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres ökonomischen Status. Er zeigt sich
unter anderem in einem eingeschränkten Zugang zu Ressourcen, begrenzten
Möglichkeiten sozialer Mobilität sowie in der Unterrepräsentation bestimmter
sozialer Gruppen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsstrukturen.
Von Klassismus betroffen sind Menschen, deren Kleidung, Sprache oder Namen mit
einer als „niedrig“ bewerteten sozialen Klasse assoziiert werden. Besonders
häufig erleben Arbeiter*innenkinder solche Abwertungen und sind daher in
besonderem Maße von klassizistischen Denk- und Handlungsmustern betroffen.
Ihnen fehlen häufig soziale Netzwerke, bestimmte Umgangsformen sowie das
Selbstvertrauen, die im akademischen und beruflichen Kontext oft vorausgesetzt
werden. Klassismus trägt dazu bei, dass armutsbetroffene Kinder schlechtere
Wohn-, Bildungs- und Teilhabemöglichkeiten bekommen. Unser Ziel ist es, allen
Menschen eine freie und selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.
Der Wohlstand einiger entsteht dabei oft durch die Arbeit anderer. Menschen
verkaufen ihre Arbeitskraft und bekommen dafür Lohn. Mit diesem Geld kaufen sie
die Dinge, die sie zum Leben brauchen. Der Lohn reicht jedoch meist nur für den
Alltag. Für viele Menschen bleibt kaum Geld übrig, um Vermögen aufzubauen oder
Zeiten ohne Arbeit zu überbrücken. Das schränkt ihre Freiheit ein.
Wenn Kinder in Armut aufwachsen, wirkt sich das auf viele Bereiche ihres Lebens
aus. Deshalb verstehen wir Armut nicht nur als fehlendes Geld. Armut bedeutet
auch Benachteiligung in anderen Bereichen. Dazu gehören materielle, soziale,
gesundheitliche und kulturelle Armut. Materielle Armut bedeutet der Mangeln an
Kleidung, Nahrung und Wohnraum. Soziale Armut bedeutet, dass Menschen kaum
Möglichkeiten haben, am sozialen Leben teilzunehmen, zum Beispiel durch fehlende
Freund*innenschaften, familiäre Bindungen, Nachbarschaftskontakte oder mangelnde
soziale Kompetenzen.
Gesundheitliche Armut bedeutet ein schlechter körperlicher sowie seelischer
Zustand. Es bedeutet auch, dass Menschen nicht genug Möglichkeiten haben, um
ihre körperliche und seelische Gesundheit zu erhalten oder zu fördern.
Kulturelle Armut bedeutet, dass Menschen nur eingeschränkten Zugang zu Bildung,
kulturellen Angeboten und gesellschaftlicher Teilhabe haben.
Die UN-Kinderrechtskonvention sagt in Artikel 27: Jedes Kind hat das Recht auf
einen Lebensstandard, der seiner körperlichen, geistigen, seelischen und
sozialen Entwicklung entspricht. Eltern tragen Verantwortung für das Wohlergehen
ihrer Kinder. Gleichzeitig muss der Staat Familien unterstützen, damit Kinder
nicht in Armut aufwachsen.
Wir unterstützen außerdem die Empfehlungen von UNICEF: Politik und öffentliche
Haushalte müssen stärker an den Bedürfnissen von Kindern ausgerichtet werden.
Der Sozialstaat soll Familien besser absichern. Alle Kinder müssen Zugang zu
Bildung, Gesundheitsversorgung, ausreichend Ernährung und gutem Wohnraum haben.
Diese Maßnahmen können Kinderarmut kurzfristig abmildern. Unser langfristiges
Ziel ist jedoch, Kinderarmut ganz abzuschaffen. Deshalb setzen wir uns politisch
dafür ein, dass Kinder finanzielle Unterstützung direkt erhalten. Diese
Unterstützung soll unabhängig von den Eltern ausgezahlt werden und leicht zu
beantragen sein.
Für uns ist Bildung mehr als nur Schule. Bildung ist ein lebenslanger Prozess,
in dem sich Menschen weiterentwickeln und ihre Persönlichkeit entfalten. Durch
Bildung lernen Menschen, sich mit der Welt, der Geschichte, anderen Menschen und
sich selbst auseinanderzusetzen. Bildung sollte freiwillig und selbstbestimmt
sein. Sie entsteht vor allem im Zusammenleben mit anderen Menschen. Bildung ist
für uns nicht dazu da, um wirtschaftlichen Gewinn zu steigern.
Bildung ist wichtig, weil sie Menschen ermöglicht, am gesellschaftlichen Leben
teilzunehmen. Sie hilft uns, selbstbestimmt zu handeln und einander auf
Augenhöhe zu begegnen. Bildung stärkt Empathie, Meinungsbildung und kritisches
Denken. Sie unterstützt Menschen dabei, ihr Leben selbst zu gestalten.
Wenn Bildung Menschen stärken und zur Teilhabe befähigen soll, braucht es
Gerechtigkeit. Oft wird von „Chancengerechtigkeit“ gesprochen. Wir verwenden
stattdessen den Begriff Bildungsgerechtigkeit. Denn Bildung darf nicht davon
abhängen, ob jemand eine einmalige „Chance“ bekommt oder unter Leistungsdruck
steht.
Alle Menschen sollen das Recht haben, Bildungsangebote und Ressourcen zu nutzen,
ohne dadurch in Abhängigkeit zu geraten. Bildung muss deshalb gerecht
organisiert sein. Für uns bedeutet Bildungsgerechtigkeit, Bildung ganzheitlich
zu verstehen. Bildung soll nicht vom Ziel bestimmt sein, Profit zu
erwirtschaften, sondern Menschen zu stärken.
Deshalb fordern wir von Politik und Gesellschaft eine gerechte und
bedürfnisorientierte Verteilung von Ressourcen. Niemand darf im Bildungssystem
benachteiligt werden. Eine von uns häufig geforderte Maßnahme ist eine
Kindergrundsicherung. Sie kann helfen, Benachteiligungen zu verringern.
Gleichzeitig sehen wir sie als einen Kompromiss innerhalb des kapitalistischen
Systems.
Langfristig sehen wir unsere Ziele im Zusammenhang mit dem demokratischen
Sozialismus. Auch dann muss Bildungsgerechtigkeit ständig reflektiert und
weiterentwickelt werden. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen
die Möglichkeit zu einer freien und selbstbestimmten Lebensführung haben.
Faschismus ist eine extrem rechte, antidemokratische, nationalistische und
rassistische Ideologie. Faschistische Ideologien behaupten, dass eine Nation
oder eine bestimmte Gruppe von Menschen anderen überlegen sei. Dadurch werden
Diskriminierung, Ausgrenzung oder sogar Gewalt gegen andere Gruppen
gerechtfertigt. Faschismus führt zu autoritären politischen Systemen. In solchen
Systemen werden Meinungsfreiheit, politische Opposition und grundlegende
Menschenrechte unterdrückt.
Aus unseren Werten Gleichheit und Gerechtigkeit heraus vertreten wir eine klare
antifaschistische Haltung. Wir engagieren uns in der politischen Bildungsarbeit,
um junge Menschen über die Gefahren von Faschismus aufzuklären. Wir setzen uns
für eine demokratische, vielfältige und inklusive Gesellschaft ein. Wir zeigen
Solidarität mit allen Betroffenen von Diskriminierung in jeglicher Form.
Antisemitismus bezeichnet alle Formen von Vorurteilen, Hass und Diskriminierung
gegenüber Jüdinnen*Juden. Diese richten sich gegen sie wegen ihrer Religion,
Herkunft oder Kultur. Antisemitismus kann sich auf verschiedene Weise zeigen:
durch Verschwörungserzählungen, Ausgrenzung, Beleidigungen, Gewalt oder
Verfolgung. Oft basiert er auf der falschen Vorstellung, Jüdinnen und Juden
seien für gesellschaftliche Probleme verantwortlich.
Aufgrund der historischen Verantwortung und unserer Werte stehen wir gegen jede
Ausgrenzung und Diskriminierung. Wir engagieren uns in der politischen
Bildungsarbeit, um junge Menschen über die Gefahren von Antisemitismus
aufzuklären. Wir setzen uns für eine demokratische, vielfältige und inklusive
Gesellschaft ein.
Rassismus bedeutet, dass Menschen wegen bestimmter Merkmale in Gruppen
eingeteilt und unterschiedlich bewertet werden. Dazu gehören zum Beispiel
Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion. Diese Gruppen werden oft als
gleichartig dargestellt, obwohl Menschen sehr unterschiedlich sind. Im
klassischen Rassismus wird behauptet, manche Menschengruppen seien anderen
überlegen oder unterlegen. Dadurch entstehen Ausgrenzung, Benachteiligung und
Diskriminierung. Rassismus zeigt sich nicht nur im Verhalten einzelner Menschen.
Er kann auch in Gesetzen, Regeln, Institutionen oder gesellschaftlichen
Vorstellungen vorkommen. Dabei spielen ungleiche Machtverhältnisse eine wichtige
Rolle.
Auch im Jugendwerk können rassistische Vorfälle passieren. Sie verletzen
Menschen und schließen sie aus. Deshalb müssen wir Rassismus im Jugendwerk immer
wieder thematisieren. Das geschieht zum Beispiel in der JuLeiCa-Ausbildung, in
Awareness-Schulungen oder in Antirassismus-Workshops. Diese Bildungsarbeit ist
ein langfristiger Prozess. Menschen müssen verstehen, wie Rassismus entsteht und
welche Folgen dieser hat. Erst dann können sie aktiv dagegen handeln. Dafür
trägt jede Person im Jugendwerk Verantwortung. Als Kinder- und Jugendverband, in
dem viele Mitglieder weiß sind, möchten wir besonders zuhören und von den
Erfahrungen Rassismus betroffener Menschen lernen. Ihre Perspektiven sollen im
Jugendwerk Raum bekommen.
Wir wollen uns außerdem mit antirassistischen Bewegungen solidarisieren und von
ihnen lernen. Dazu gehört auch ein regelmäßiger Prozess der Selbstreflexion. Die
Strukturen und Traditionen im Jugendwerk müssen immer wieder überprüft und
hinterfragt werden. Reflexion bedeutet auch, sich der eigenen Privilegien
bewusst zu werden und Verantwortung dafür zu übernehmen. Unser Ziel ist ein
Jugendwerk, in dem alle Menschen willkommen sind.
Deshalb fordern wir auch von der weißen Mehrheitsgesellschaft, sich mit
kolonialen Denkweisen auseinanderzusetzen und diese zu überwinden. Dabei ist es
wichtig, die eigenen Vorurteile zu erkennen und die Perspektiven von Betroffenen
ernst zu nehmen. Wir müssen bereit sein, unsere Sicht auf die Welt zu
hinterfragen und zu verändern. Nur so kann eine gerechtere Gesellschaft
entstehen. Dabei sollten weiße Menschen solidarisch an der Seite von Betroffenen
stehen und ihnen Raum geben. Am Ende geht es darum, Verantwortung zu übernehmen
und Privilegien zu teilen.
Weltweit gibt es viele Kriege. In Kriegen kämpfen Staaten oder Gruppen mit
Waffen gegeneinander. Dabei kommt es zu Gewalt, Zerstörung und vielen
Todesopfern. Kriege entstehen aus verschiedenen Gründen. Dazu gehören
politische, wirtschaftliche, soziale, ethnische, religiöse oder territoriale
Konflikte. Ziel von Krieg ist es meist, Macht zu gewinnen oder Interessen mit
Gewalt durchzusetzen. Dieses Streben nach Macht widerspricht unseren
demokratischen Werten. Krieg steht im Widerspruch zu Menschenrechten und zu
unserem Verständnis von Solidarität und Gerechtigkeit.
Deshalb lehnen wir Gewalt und Krieg grundsätzlich ab. Waffengewalt kann
höchstens als letztes Mittel zur Verteidigung akzeptiert werden. Wir
solidarisieren uns mit Menschen und Gruppen, die für Selbstbestimmung und
Freiheit kämpfen oder ihre Selbstbestimmung verteidigen müssen. Dabei ist
wichtig, dass diese Prozesse von den betroffenen Menschen selbst bestimmt
werden. Krieg führt immer zu großen menschlichen und gesellschaftlichen Schäden.
Menschen sterben, Städte und Infrastruktur werden zerstört, und auch die Umwelt
wird schwer beschädigt. Viele Orte werden unbewohnbar. Die Folgen sind Flucht
und Vertreibung.
Wir zeigen Solidarität mit allen Menschen, die unter Krieg und Flucht leiden.
Unser Ziel ist eine Welt des Friedens. Nur im Frieden können demokratische
Prozesse funktionieren und Menschen in Würde zusammenleben.
Begründung in einfacher Sprache
Das aktuelle Grundsatzprogramm (GSP) des Bundesjugendwerks der AWO wurde im Mai
2012 beschlossen. Es ist also Zeit, eine neue und aktuelle Version zu
beschließen.
Dieses Grundsatzprogramm beschreibt unsere gemeinsamen Werte, Ziele und
Haltungen. Es gibt Orientierung für die Arbeit nach innen und macht nach außen
sichtbar, wofür das Jugendwerk der AWO grundsätzlich steht. Gleichzeitig hilft
es, Entscheidungen zu treffen und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Damit
bildet es die Grundlage für die politische und inhaltliche Arbeit des Verbands.
Da wir als Kinder- und Jugendverband regelmäßige Generationenwechsel erleben,
verstehen wir dieses Grundsatzprogramm nicht als endgültige Version. Vielmehr
soll es möglich sein, einzelne Kapitel bei Bedarf zu ergänzen oder zu
überarbeiten. Es ist also als lebendiges Dokument gedacht und sollte bei Bedarf
weiterentwickelt werden.
Wir danken an dieser Stelle allen Ehrenamtlichen, die sich in der Kommission,
bei den Workshops auf den Forenwochenenden und an den Schreibwochenenden
eingebracht haben.
Angefügt ist eine vorläufige Formatierung des Grundsatzprogramms. Dies dient der
besseren Ansicht für die Teilnehmenden der BuKo. Nach der BuKo soll ein neues
Dokument erstellt werden, ähnlich anderer Publikationen des Bundesjugendwerks
(z. B. Governance Kodex und Jederzeit Wieder).

Kommentare